| Eingliederungshilfe für junge Menschen mit internalisierenden Störungsbildern
Die Gründe, weshalb junge Menschen der Jugendhilfe bedürfen, sind vielfältig. Manchmal sind die Schwierigkeiten der Jugendlichen von außen gut erkennbar, manchmal bleiben die Probleme Außenstehenden verborgen. Je nach Symptomatik sind es Kinder oder Jugendliche, die ihre Probleme für die Umgebung sichtbar ausleben. Sie machen durch lautes, aggressives und manchmal grenzverletzendes Verhalten auf sich aufmerksam und zwingen Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen zur Intervention. In den Medien erhalten solche jungen Menschen viel Aufmerksamkeit, was zu öffentlichem Druck - auch auf Institutionen - führt und zwingt, zu reagieren. Viele sozial- und intensivpädagogische Wohngruppen sind auf die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit solchen Störungen der externalisierenden Richtung spezialisiert. Mindestens ebenso viele junge Menschen verarbeiten ihre Probleme aber aus Scham oder Angst still und leise für sich selber nach innen, von der Umgebung lange Zeit meist unbemerkt. Ihre extreme Anpassung aus Angst und Unsicherheit geht oft einher mit Symptomen, die auf Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen oder auf posttraumatische Belastungsstörungen und/oder Essstörungen hinweisen, manchmal auch in Verbindung mit akuter Suizidgefährdung. Insbesondere von einer Depression Betroffene, sozial unsichere und zum Rückzug neigende junge Menschen mit negativem Selbstbild haben im Laufe ihrer Entwicklung oft traumatische Erlebnisse gehabt. Aufgrund ihrer schamhaft besetzten Ängstlichkeit, hervorgerufen durch Traumatisierung, sind sie nicht in der Lage, sich in ihrer Not rechtzeitig Eltern und Helfern anzuvertrauen. Im Kontakt zu den oben beschriebenen verhaltensauffälligen, dominanten Jugendlichen nimmt ihre Ängstlichkeit noch zu. Ihre Angst vor Stigmatisierung („Weichei", Schwächling, Feigling) macht es ihnen auch in der Peergroup unmöglich, mit Gleichaltrigen über Probleme zu sprechen. So bleiben sie mit ihrer Not allein, werden übersehen und gehen gerade im Schulalltag schlicht unter. Zur Natur dieser jungen Menschen mit Störungen der internalisierenden Richtung gehört es oft, dass sie alles tun, um nicht aufzufallen: Sie arbeiten überaus präzise und genau, sind verlässlich, hilfsbereit und überangepasst. Nicht selten besteht ihr Selbstheilungsversuch in einer bis zum Perfektionismus hochstilisierten Leistungsbereitschaft. Ihre extreme Angepasstheit und Hilfsbereitschaft stellt für sie langfristig eine Überforderung dar. Im Laufe der Zeit kommt es dann manchmal zu einem Rückzug verbunden mit einer Depression und suizidalen Gedanken. Am Ende des Leidensweges, der Jahre dauern kann, stehen meist dramatische Ereignisse wie z.B. ein körperlicher und seelischer Zusammenbruch, Selbstverletzung oder gar eine versuchte Selbsttötung. Dadurch wird die Aufmerksamkeit der Umgebung schlagartig auf die Probleme der jungen Menschen gelenkt. Sie werden dann stationär auf einer geschützten Station in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt.
Die Situation Betroffener Das Problem dieser jungen Menschen stellt sich in zweifacher Hinsicht: Zum einen bleiben ihre Probleme der Umwelt lange verborgen, da Eltern und Helfer für diese Störungsbilder zuwenig sensibilisiert sind. So wachsen die Störungen sich über Jahre aus, bis sie schließlich Krankeitswert haben. Zum zweiten gibt es in der Region Hannover kaum Einrichtungen für junge Menschen mit Störungen der internalisierenden Richtung, die nach einem Klinikaufenthalt vorerst nicht nach Hause zurückkehren können. Statt dessen bedürfen sie dringend heilpädagogisch-therapeutischer Eingliederungshilfen in einem geschützten, nicht ängstigenden Rahmen. Diese Förderung zur Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung kann nur von besonders ausgebildetem und erfahrenem, sozial- und heilpädagogischem Fachpersonal gewährleistet werden. Aus Mangel an angemessenen Möglichkeiten wird oft nach dem Zufallsprinzip untergebracht, meist in Einrichtungen, in denen vorwiegend junge Menschen mit Störungen der externalisierenden Richtung betreut werden. Eine solche Unterbringung der sozial unsicheren jungen Menschen zusammen mit übergriffigen oder aggressiven MitbewohnerInnen bedeutet für die Betroffenen meistens eine Fehlplatzierung, in Einzelfällen eine weitere Gefährdung. Als Folge fühlen sich die jungen Menschen dann nicht gut aufgehoben, wenig verstanden und in der Gruppe isoliert. Manchmal werden sie erneut Opfer von Übergriffen. Eine Alternative besteht bisher darin, für die Jugendlichen einen Platz in einer der wenigen, meist weit vom bisherigen Lebensumfeld entfernt liegenden Spezialeinrichtungen zu suchen, in der sie gefördert werden können, jedoch ohne ausreichende Möglichkeit zur Pflege und Bearbeitung der familiären Beziehungen.
Die Wohngruppe Die neue Heilpädagogisch-Therapeutische Wohngruppe ist eine besondere Einrichtung, die einen dringenden Bedarf in der Region Hannover abdeckt. Sie dient der Wiedereingliederung von acht Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab 12 Jahren, die durch psychische Störungen der internalisierenden Richtung beeinträchtigt sind, wie z.B. Depressionen, Angst-, Zwangs- und Anpassungsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen. Integrativ werden in dieser Einrichtung auch junge Menschen betreut, die durch Diabetes mellitus und Hormonstörungen als körperlicher Erkrankung in Verbindung mit einer psychiatrischen Störung besonders unterstützt werden müssen. Das Angebot richtet sich besonders an jungen Menschen, für die ein Zusammenleben mit teilweise aggressiven, distanzlosen MitbewohnerInnen in einer herkömmlichen Sozialpädagogischen Wohngruppe nicht in Frage kommt. Die Aufteilung in zwei Vierergruppen trägt den Bedürfnissen dieser Zielgruppe nach Sicherheit und Schutz besonders Rechnung. Hier finden die AdressatInnen einen auf sie zugeschnittenen kleinen und geschützten Rahmen, in welchem sie intensiv von einem multiprofessionellen Team in ihrer Entwicklung gefördert werden. Die zwei Wohngemeinschaften befinden sich in einem neuen, eigens für die Bedürfnisse der jungen Menschen gebauten Hauses mitten in der Stadt Hannover im Stadtteil Döhren. Geschäfte, Einkaufsmöglichkeiten und die Stadtbahnhaltestelle „Döhrener Turm" liegen in der Nähe. Von dort ist das Stadtzentrum in sieben Minuten mit einer von drei Stadtbahnlinien zu erreichen. Nur eine Haltestelle entfernt, am Altenbekener Damm, gibt es verschiedene Schulen. Das Kinderkrankenhaus auf der Bult, niedergelassene ÄrztInnen und TherapeutInnen sind ebenfalls gut erreichbar. Der nahe gelegene Maschsee eröffnet viele Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen. Dort liegt das jederzeit nutzbare vereinseigene Segelboot für freizeitpädagogische Maßnahmen. Die zentrale Lage, Wald und Wasser in der Nähe, bieten viel Raum für eine sinnvolle Gestaltung der Freizeit.
Das Leben in der Gemeinschaft Die jungen Menschen werden in zwei Gruppen zu je vier Personen innerhalb einer festen Tages- und Wochenstruktur an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr von acht Fachkräften mit dem Ziel der Wiedereingliederung betreut und begleitet. Die Betreuung erfolgt innerhalb des geschützten, sicheren und motivierenden Rahmens auf der Grundlage stabiler und verlässlicher Beziehungsarbeit durch die Bezugspersonen im pädagogisch-therapeutischen Umfeld. Neben der individuellen pädagogischen, therapeutischen und schulischen Betreuung und Förderung des Einzelnen, wird die Gruppe als Erprobungsfeld genutzt. So können neue, positive Erfahrungen in verschiedenen Lebensbereichen (Kochen, Werken, Kunst, Sport), im sozialen Miteinander und im Umgang mit den eigenen Schwierigkeiten gemacht werden. Die AdressatInnen lernen, ihre krankheitsbedingten Schwierigkeiten bewusst wahrzunehmen, zu bewältigen und im Umgang mit ihnen kompetent zu werden. Sie werden in der Wohngruppe beim Erlernen von Bewältigungsstrategien - als persönliche Fähigkeiten - unterstützt und angeleitet. Im Sinne eines gesunden Lebens wird auf körperliche Fitness, die Ernährung und auf einen geregelten Wach-Schlaf-Rhythmus besonders geachtet.
|